Der Titicacasee, der Fluss Desaguadero und der Poopó-See bilden eines der bedeutendsten Binnengewässersysteme Boliviens. Für viele indigene Gemeinschaften wie die Aymara und Urus sind diese Gewässer seit Generationen Lebensgrundlage, kultureller Raum und Teil ihrer Identität. Fischerei, Landwirtschaft und Viehzucht hängen unmittelbar von einem funktionierenden Wasserkreislauf ab. Doch dieses empfindliche Ökosystem gerät zunehmend unter Druck: Die Folgen der Klimakrise, langanhaltende Trockenperioden und massive Umweltverschmutzung durch den Bergbau bedrohen die Region existenziell.
Besonders dramatisch zeigt sich die Situation am Poopó-See, der einst eine Fläche von etwa der Größe Vorarlbergs umfasste und in den vergangenen Jahren nahezu vollständig ausgetrocknet ist. Ursachen dafür sind langanhaltende Trockenperioden, steigende Temperaturen, die starke Wasserentnahme aus dem Zufluss Desaguadero – unter anderem durch Bergbaufirmen – sowie die geringe Tiefe des Sees, wodurch Wasser besonders rasch verdunstet. Zusätzlich belastet der jahrzehntelange Bergbau die Region massiv: Schwermetalle und giftige Rückstände gelangen über Flüsse in das Binnengewässersystem und verschmutzen Wasser und Böden nachhaltig. Ganze Dorfgemeinschaften verloren dadurch ihre wirtschaftliche Grundlage. Besonders betroffen sind indigene Gemeinschaften wie die Urus, deren Leben eng mit dem See verbunden war.
Viele Rohstoffe, die dort unter problematischen Bedingungen abgebaut werden – etwa Zinn, Silber oder andere Metalle – finden sich später in technischen Geräten wie Handys oder Computern wieder. Dadurch wird deutlich, dass die Umweltzerstörung in Bolivien nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eng mit globalen Wirtschafts- und Konsumstrukturen verbunden ist. Unser hoher Ressourcenverbrauch und der weltweite Bedarf an Rohstoffen haben direkte Auswirkungen auf Menschen und Ökosysteme in anderen Teilen der Welt. Die Situation in Bolivien zeigt damit auch, wie sehr unser Alltag in Europa mit den Lebensrealitäten indigener Gemeinschaften am anderen Ende der Welt verknüpft ist.
Im Rahmen des österreichweiten Bildungsprojekts „Begegnung mit Gästen“, das von den österreichischen Welthäusern organisiert und von der Austrian Development Agency (ADA) aus Mitteln der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit gefördert wird, waren von 25. April bis 02. Mai zwei Aktivistinnen aus Bolivien in Vorarlberg zu Gast: Alicia Cuiza Churquí von CEPA und Erika Rojas von CIPCA. CEPA setzt sich im bolivianischen Hochland für Umweltfragen und die Rechte indigener Gemeinschaften ein. CIPCA begleitet ländliche Gemeinden in den Bereichen nachhaltige Landwirtschaft, Ernährungssouveränität und politische Mitbestimmung. Beide Organisationen arbeiten eng mit betroffenen Gemeinschaften zusammen und stärken insbesondere Frauen in ihrem Engagement für Umwelt- und Menschenrechte.
Ein zentrales Thema der Begegnungen war die Situation der Frauen in den betroffenen Regionen. Viele Männer verlassen aufgrund fehlender Perspektiven ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit. Zurück bleiben häufig Frauen mit Kindern, die trotz schwieriger Bedingungen den Alltag bewältigen und neue Wege finden müssen, ihre Familien zu versorgen. Deshalb gewinnen alternative Einkommensmöglichkeiten zunehmend an Bedeutung. Besonders wichtig ist dabei Kunsthandwerk, das vielen Frauen ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und wirtschaftlich unabhängiger zu werden.
Die Gäste berichteten eindrücklich davon, wie Frauen sich organisieren, gegenseitig stärken und Verantwortung in ihren Gemeinden übernehmen. Dabei spielt Empowerment eine entscheidende Rolle: Frauen werden ermutigt, ihre Rechte einzufordern, Wissen weiterzugeben und sich politisch und gesellschaftlich einzubringen. Umweltfragen werden dadurch auch zu Fragen sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
In ihren Vorträgen und Gesprächen spielte außerdem das indigene Konzept des „Buen Vivir“ eine zentrale Rolle. „Buen Vivir“ bedeutet so viel wie „gutes Leben“, meint aber weit mehr als materiellen Wohlstand. Im Mittelpunkt stehen ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur, gemeinschaftliches Denken, gegenseitige Verantwortung und der respektvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen. Für viele indigene Gemeinschaften ist Wasser nicht bloß eine Ressource, sondern Teil des Lebens selbst. Das Konzept des Buen Vivir steht damit im starken Gegensatz zu einer Wirtschaftsweise, die Natur vor allem als Rohstoffquelle betrachtet. Die Gäste machten deutlich, wie wichtig dieses Verständnis für die Aymara, Urus und Quechua ist – und wie sehr Umweltzerstörung auch kulturelle Identität und traditionelle Lebensweisen bedroht.
Das Programm in Vorarlberg umfasste mehrere Workshops mit Schüler:innen und Studierenden der Sozialen Arbeit an der FH Dornbirn, Fachgespräche und Exkursionen. Die Begegnungen mit den Jugendlichen und Studierenden waren dabei besonders spannend, weil globale Themen wie Klimakrise, Wasserknappheit und Umweltzerstörung durch persönliche Geschichten greifbar wurden. Die Schüler:innen und Studierenden konnten direkt mit den Gästen aus Bolivien ins Gespräch kommen, Fragen stellen und erfahren, wie sich globale Entwicklungen konkret auf das Leben von Menschen auswirken. Gleichzeitig entstand Raum für Diskussionen über den eigenen Lebensstil, Konsum und Verantwortung.
Ebenso fanden Gespräche mit der Caritas Auslandshilfe und dem Verein Amazone statt. Bei der Caritas Auslandshilfe tauschten sich die Gäste mit Marion Burger über die Projekte der Caritas in Ecuador aus, die ebenfalls einen starken Fokus auf Frauen und Kinder legen. Sowohl die Gäste aus Bolivien als auch Marion Burger berichteten dabei über ihre Erfahrungen in der Begleitung von Frauen, Familien und benachteiligten Gemeinschaften. Beim Austausch mit dem Verein Amazone standen Frauenthemen, Empowerment, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe im Mittelpunkt. Die Begegnungen zeigten, dass Frauen weltweit mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind – und wie wichtig Vernetzung, gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Lernen über Ländergrenzen hinweg sein können.
Ein besonderer Programmpunkt war die Exkursion nach Schönenbach. Dort besichtigte die Gruppe gemeinsam mit Peter Greber die Pflanzenkläranlage im Vorsäßgebiet. Rachel Vith vom Umweltinstitut erklärte dabei die genaue Funktionsweise der naturnahen und dezentralen Wasseraufbereitung. Das Abwasser wird dabei über natürliche Filterprozesse mit Pflanzen und Mikroorganismen gereinigt und anschließend wieder dem Wasserkreislauf zugeführt. Für die Gäste aus Bolivien war der Besuch besonders spannend, da Fragen rund um Wasserknappheit, Abwasser und Gewässerschutz in ihren Heimatregionen eine zentrale Rolle spielen. Die Exkursion zeigte auf, wie auch in abgelegenen Gebieten nachhaltige Lösungen zur Wasserreinigung umgesetzt werden können. Daraus entstanden viele Gespräche über mögliche Ansätze für ähnliche Projekte in Bolivien und darüber, wie technisches Wissen und lokale Gegebenheiten miteinander verbunden werden können. Die Gäste nahmen viele Eindrücke und Ideen mit, die möglicherweise Anregungen für Projekte in ihren Heimatregionen geben können.
Ein weiterer Programmpunkt war die Exkursion zum Weltacker in Hohenems. Jürgen Mathis vom Welthaus Vorarlberg führte die Gäste durch das Projekt und machte anschaulich, wie globale Landwirtschaft, Ernährung und Ressourcenverbrauch miteinander verbunden sind. Der Weltacker zeigt auf, wie viel Ackerfläche jedem Menschen weltweit rechnerisch zur Verfügung steht und welche Folgen unser Konsum für Menschen und Umwelt hat. Die Gäste aus Bolivien zeigten sich sehr beeindruckt davon, wie globale Zusammenhänge auf konkrete und verständliche Weise vermittelt werden können. Gleichzeitig entstand ein intensiver Austausch darüber, wie ähnliche Projekte auch in ihren Heimatregionen umgesetzt werden könnten.
Den Abschluss der Woche bildete die öffentliche Veranstaltung im WirkRaum Dornbirn, die auf großes Interesse stieß. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Werk der Frohbotinnen und den Internationalen Freiwilligeneinsätzen statt, die beide seit vielen Jahren enge Verbindungen nach Bolivien pflegen. Zahlreiche Besucher:innen nutzten die Gelegenheit, mit den Gästen aus Bolivien ins Gespräch zu kommen.
Während der gesamten Woche stand dabei die Begegnung auf Augenhöhe im Mittelpunkt: gegenseitiges Zuhören, gemeinsames Lernen und der offene Austausch. Die Gäste aus Bolivien brachten ihre Erfahrungen, Perspektiven und Lösungsansätze ein – gleichzeitig entstanden auch neue Impulse durch die Begegnungen in Vorarlberg. Dabei wurde deutlich: Wir sind Teil globaler Umweltprobleme – können aber ebenso Teil der Lösung sein. Internationale Begegnungen wie diese schaffen Bewusstsein für globale Zusammenhänge und zeigen, wie wichtig Solidarität, gemeinsames Lernen und verantwortungsvolles Handeln für eine gerechtere Zukunft sind.